Glückwunsch ans Grüne Emissionshaus
Liebe DGEler,
herzlichen Dank für die Einladung zur Feier zum 30 jährigen Bestehen des Grünen Emissionhauses. Leider kann nicht nicht dabei sein, weil ich in Sardinien bin. Ich grüße Euch aber auf diesem Wege, weil mich dieses 30 jährige Jubiläum doch nicht ganz kalt lässt. Neben den vielen persönlichen Erinnerungen an eine außerordentlich aufregende und tolle Zeit, und dem etwas ungläubigen Staunen, dass das jetzt schon 30 Jahre her sein soll, lädt so ein Datum dazu ein, einen Schritt zurückzutreten und zu fragen, was wir eigentlich wollten, als wir das Grüne Emissionshaus 1996 gegründet haben und was daraus geworden ist.
Ich erinnere mich daran, wie wir uns entschieden haben, im ersten Emissionsprospekt „Utgast II“ im Vorwort eine Grafik mit zwei Langfrist-Charts abzudrucken: den CO2 Gehalt der Atmosphäre und die globale Durchschnittstemperatur – und die offensichtliche Korrelation der beiden. Diese Kurven waren Resultate wissenschaftlicher Seismographen, Klimaarchäologie des Anthropozäns, aufgespannt über große Zeiträume. Sie markierten also ein damals weitgehend nur intellektuell erfahrbares Problem, dass uns abverlangte, Verantwortung ins Auge zu fassen für etwas das räumlich und zeitlich weitgehend außerhalb unserer sinnlichen Erfahrung lag. Heute wird Sardinien von Stürmen heimgesucht einer bisher ungekannten Wucht, es drohen schwere Dürren wie in Sizilien, und an manchen Stränden türmen sich Berge von Algen, die in dieser Dimension hier nicht hingehören. Die Eiskappen schmelzen schneller als gedacht, und die Abschwächung des Golfstroms ist keine theoretische Möglichkeit mehr, sondern eine messbare Realität. Die Kurve der globalen Emissionen steigt noch immer an. Die 1.5 oder 2 Grad Ziele der Klimakonferenzen sind Beschwörungsformeln, die sich von der Realität abgekoppelt haben. Vernunft im Allgemeinen und Klimapolitik im Besonderen sind außer Mode, viele Leute aus dem Spektrum von Regierung und Opposition suchen ihr Heil im Gestern oder gar in russischem Gas.
Es gäbe also starke Gründe zu resignieren, aber Resignation ist keine Option. Es wäre zwar fast eine Erleichterung, wenn man wie z.B. der US amerikanische Romancier James Salter sagen könnte „der Kampf gegen den Klimawandel ist ohnehin verloren, also sehen wir dem unvermeidlichen ins Auge, verlegen wir uns lieber darauf, uns an die neuen Verhältnisse anzupassen und lassen den Quatsch mit den Windmühlen sein.“ Wir wissen, dass das falsch ist: es geht nicht um die Frage, ob diese Katastrophe eintritt oder nicht, sondern es geht um das – nach oben offene! - Ausmaß, das sie annehmen wird. Deshalb ist Kapitulation nie eine Option, egal wie schlecht es aussieht. Und es ist ja nicht so, dass nichts passiert ist! Nicht nur bei den CO2 Emissionen und ihren Folgen, sondern auch beim Ausbau der Erneuerbaren haben wir Dimensionen erreicht, die damals noch in einer fernen hypothetischen Zukunft lagen. Die Kostendegression der Erneuerbaren sind eine industrielle Erfolgsgeschichte sondergleichen: Wir haben offenbar den Kipp-Punkt überschritten, wo Wind und Solar zu ökonomischen Selbstläufern geworden sind und ihr globaler Ausbau verläuft immer noch exponentiell. Es ist Eine merkwürdige Gleichzeitigkeit: während wir die Klimaziele dramatisch verfehlen, erleben wir den unaufhaltsamen Siegeszug der Erneuerbaren, bei deren Start in den 90er und frühen 2000er Jahren wir Geburtshelfer waren. Mit der Gefahr wächst das Rettende also doch.
Obwohl ich schon seit über 20 Jahren nicht mehr bei DGE bin, hat mich dieses Thema nie losgelassen, und wenn ich heute mit der Learning Machines das Privileg habe, an KI Systemen zur Steigerung von Energieeffizienz und zur von Systemintegration von Erneuerbaren zu laborieren, an E-Mobilität oder dem Management von Klimafolgen im Wald, dann fühle ich mich noch immer als Mitglied dieser Community, die mit vielen schwachen Händen versucht, einen sehr großen Tanker in die richtige Richtung zu schieben. Auch wenn das langsam geht - zu langsam! - so bleibt uns doch nichts besseres, als es weiter nach Kräften zu versuchen, und uns frei nach Albert Camus glücklich zu schätzen, Teil dieses Sysiphos Projektes zu sein.
Mein Dank also all denen, die zum erstaunlichen Erfolg dieser seinerzeit kühnen Unternehmung beigetragen haben, und dazu, dass dieses Grüne Emissionshaus bis heute erfolgreich operiert.
Für die nächsten 30 Jahre viel Repower (-ing)!
Jochen
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